Verarmt im digitalen Zeitalter unsere Kommunikation?

watzlawick
Der Psychiater und Philosoph Paul Watzlawick im damals noch analogen Fernsehen. Foto: Seniju (CC-BY-2.0)

 

Digihuman fragt – László Földesi vom Kompetenzzentrum Digitalisierung antwortet.

Schon vor einigen Monaten habe ich einen spannenden Dialog mit László Földesi vom Kompetenzzentrum Digitalisierung geführt. Darin habe ich László (der mit seinem Zentrum unser Projekt digihuman als Kooperationspartner unterstützt) gefragt, was die Digitalisierung eigentlich für die menschliche Kommunikation bedeutet. Dabei habe ich ihn auf Paul Watzlawick angesprochen, der in seiner Theorie menschlicher Kommunikation das Digitale deutlich vom Analogen unterscheidet – und davor warnt, welche negativen Folgen eine einseitige, also zum Beispiel nur digitale Kommunikation haben kann. Auf diesen und auch auf viele andere spannende Punkte ist László in seiner Antwort eingegangen.

Text von László Földesi

Paul Watzlawick gilt sicher als einer der wichtigsten Wegbegleiter der Kommunikationsforschung und -praxis. Zumal er ein Mann mit gehörigem Humor gewesen sein muss. Wer Gelegenheit hat eine seiner aufgezeichneten Reden zu sehen, der weiß wohl wovon ich hier schreibe.

Berühmt sind auch seine Axiome der Kommunikation, die man vielleicht, wollte man eine Verfassung zur Kommunikation schreiben, als Präambel verstehen kann. Sein berühmtestes Axiom ist sicher “Man kann nicht nicht kommunizieren”. Darüber ließe sich sicher lange der Kopf zerbrechen, aber deine Frage zielt ja im Besonderen auf die digitale und analoge Kommunikation ab. Auch hierzu schreibt Watzlawick Etwas. Er unterteilt die menschliche Kommunikation in eben diese beiden Kategorien. Die analoge Kommunikation bestimmt sich etwa über menschliche Gesten und Grimassen, wie du sie schon erwähnt hast. Diesen schreibt Watzlawick eine höhere Bedeutungsfähigkeit zu. Das kann man sich am Beispiel eines weinenden Kindes klarmachen. Das Weinen an sich ist anders als durch eine Geste nicht auszudrücken. Dennoch wissen wir, dass es sich dabei wahrscheinlich um eine große Gefühlsregung handeln muss. Analog ist also, worauf man deuten, aber das man nicht aussprechen kann. Sobald man aber versucht Etwas zu beschreiben, im Falle der menschlichen Kommunikation zu versprachlichen, kommt man zur digitalen Kommunikation. Wir schaffen also ein sprachliches Abbild von dem Bild, auf das wir deuten. Dabei reduzieren wir das Unsagbare, das Analoge, auf die für uns mit dem gesehenen Bild verbundenen Begriffe. Wir geben der Deutung eine Be-deutung und hoffen beim Aussprechen auf ein gleiches bzw. ähnliches Verständnis dieser Begriffe im Gegenüber. Wenn wir das Kind also weinen sehen und wir jemand anderem erzählen, ein Kind weint, hat dieser jemand wahrscheinlich eine Vorstellung von einem Kind, dem die Tränen laufen oder das schreit. Gleichzeitig sehen wir an dem Beispiel schon, dass in der Übersetzung von Unsagbarem zu Ausgesprochenem bzw. Aufgeschriebenen, nicht klar wird, ob das Kind aus Freude oder Glück weint, oder ob es laut oder leise weint. Wir haben in der sprachlichen Abbildung also einen Übersetzungsverlust.

Digitale und analoge Kommunikation beziehen sich aber nicht ausschließlich auf den Menschen, sondern können sich auch auf Gegenstände, Situationen oder den Raum beziehen. Wenn wir uns einen Gegenstand von unserem Schreibtisch nehmen oder aus der Umgebung, in der wir uns gerade befinden und ihn betrachten bzw. berühren, dann beziehen sich diese Prozesse auf ein Analoges. Wenn dieser Gegenstand nun nicht mehr da ist, weil wir ihn wegstellen oder er weg ist, jemand anderes aber genau weiß, welchen Gegenstand wir beschreiben, dann haben wir den analogen Gegenstand sprachlich ins Digitale überführt. Das kennen wir aus dem Alltag, wenn uns jemand fragt, ob wir den Schlüssel gesehen haben. Dann bekommen wir eine digitale Botschaft und suchen einen analogen Gegenstand (Alles andere würde auch sehr lange Zeit in Anspruch nehmen). Wenn wir den (analogen) Gegenstand finden, dann geben wir Bescheid, dass wir den Schlüssel gefunden haben. Diesen Prozess kann man sich sehr gut merken, indem man sich mit der Herkunft des Begriffes Digitalisierung beschäftigt. Vielen wird dieser bekannt sein, aus dem Umgang mit der Kamera. Auch die Kamera hilft uns dabei ein Abbild von einem Bild zu schaffen. Auch wenn es nicht sprachlich ist, ist es eine Übersetzung von einer analogen Umgebung in ein reduzierten, digitalen Rahmen. Wir können immer nur einen Ausschnitt dessen abbilden, was um uns ist.

Was haben wir nun also festgestellt? Dass wir schon immer digitalisieren und dass das Analoge eine ebenso wichtigen Anteil an unserer Kommunikation hat, wie das Digitale? Wo steckt also das Neue und die Veränderung hinter dem Begriff Digitalisierung?

Das Neue an der Digitalisierung: Technisierung der Kommunikation

Zunächst einmal ist der Begriff, wie in vielen Diskussionen um vermeintlich neue Entwicklungen, ein aufgeblähter Begriff, ein Sammelbegriff, der viel vermuten lässt, aber oft vage bleibt. Darin steckt auch die größte Gefahr im Umgang mit den aktuellen Entwicklungen. Woran Digitalisierung stets gekoppelt ist, ist der Begriff der Technisierung. Ob Beruf oder Alltag, wir finden zunehmend mehr technische Hilfsmittel, die unsere Gewohnheiten und Abläufe bestimmen. Auch die der Kommunikation. Wenn wir an die Entwicklung des Telefons denken, dann sehen wir, welche Folgen eine technische Entwicklung für die Kommunikation und damit für das Verhältnis von Mensch zu Mensch spielen kann. Zu dieser Beziehung kommt eine dritte Variable. Das Verhältnis wird zu Mensch, Maschine, Mensch. Damit stellt sich die Frage, welchen Anteil an der Kommunikation die Technik spielt. Wenn wir nun also in das Telefon sprechen, dann digitalisieren wir. Wir haben schon gesehen, dass es beim Digitalisieren zum Kommunikationsverlust kommt. Wenn wir nun auf deine Eingangsfrage zurückkommen, liegt der Verdacht nahe, dass unsere Kommunikation fortschreitend verarmt, da wir im zunehmenden Einsatz technisch-digitaler Werkzeuge, auf einen Großteil analoger Kommunikation verzichten. Nach dieser Definition wäre die Gefahr ganz real und die Sorge darum berechtigt. Als kritischer Technik-Optimist möchte ich aber einige Perspektiven anführen, die diese berechtigt zu hinterfragende Entwicklung, ein wenig aufweichen.

Zunächst einmal ist dieses Verhältnis nichts Neues. Denn da wir nun wissen, was Digitalisieren bedeutet, lässt sich das Verhältnis Mensch, Maschine, Mensch auch auf klassische Kulturtechniken übertragen. Das Schreiben eines Briefes mithilfe eines (technischen) Werkzeugs ist im Prinzip nichts anderes, als das Digitalisieren analoger Geschehnisse des Schreibenden an den Leser. Übersetzungsverluste beim Schreibenden und beim Lesenden gibt es heute, wie damals. Und wir würden doch sicher niemanden in seinen Kommunikationsstärken anzweifeln, der noch in der Lage ist einen schönen handschriftlichen Brief zu schreiben.

Der bedeutende Unterschied liegt aber in der Rolle im Umgang gegenüber der Technik. Was der Mensch beim Schreiben als aktive Kreativleistung erbringen muss, wird durch das reaktive Konsumieren von miteinander vernetzten Inhalten des World Wide Web zum Teil vollständig ausgeblendet. Die Auseinandersetzung mit Inhalten wird in Zeiten der Wischgeste immer kürzer. Die Umgebung ist fragmentartig. Welten werden zusammengesetzt, ohne auf Konsistenz und Kausalität geprüft zu werden. Die Gefahren liegen also im Umgang. Genau wie wir Schreiben und Lesen erlernt haben, müssen wir Kompetenzen für die neuen Medien erlernen. Wie lang haben wir gebraucht, um Schreiben zu lernen? Wie lang braucht ein Kind, um mit einem iPad umzugehen? Die Funktionsweise der neuen Geräte ist darauf ausgelegt, durch ein Kind in spielerischer Weise bedient werden zu können. Wer nur noch Höhepunkte und Ausschnitte erlebt, der kann langanhaltende Gefühlszustände und Entwicklungen schwerlich verstehen. Wir sind also in der Pflicht, nicht nur den jungen Menschen, beizubringen, was es heißt, ein mediales und parallel reales Selbstbewusstsein aufzubauen.

Die Überlagerung von virtueller und realer Welt: Chance und Risiko zugleich

Dann haben digitale Werkzeuge die Möglichkeit eine Erweiterung zu sein und stellen eine Brücke dar, die Menschen im analogen verbinden kann. Nehmen wir diesen Dialog als Beispiel. Ohne dieses digitale Werkzeug hätten wir uns wahrscheinlich nie gefunden, noch wären wir ins Gespräch gekommen. So haben wir die Möglichkeit miteinander in den Dialog zu kommen und beeinflussen Menschen vielleicht ganz nachhaltig im analogen Leben. Das wiederum kann doch analoge Gesten (Tränen, Freude, vielleicht auch Wut) auslösen. Es ist eben weder schwarz noch weiß, wenn wir es richtig moderieren und interessiert sind an der Entwicklung einer nachhaltigen Medienkompetenz.

In meiner Vorstellung ermöglicht digitale Kommunikation zusätzliche analoge Kommunikationsräume. Die hocheffiziente Kommunikation per Whatsapp oder Facebook ermöglicht mir beispielsweise jeden Tag mit meiner Familie zu schreiben und Anteil an ihrem Leben zu haben und zwar in einem Maße, das früher nie möglich gewesen wäre. Ich kann während einer Busfahrt oder Zeit, in der ich normalerweise nichts tue, weil ich z.B. warten muss, kommunizieren und mich so mit Freunden oder meiner Freundin verabreden. Ich öffne also meine Kommunikationsmöglichkeiten. Auch wenn ich den Seitenhieb gerade von älteren Menschen kenne, die im Öffentlichen neben einem sitzen und sagen, diese Jugend (vielen Dank) sitzt immer am Handy. Ich kommuniziere dabei mit Freunden, meiner Familie, meiner Freundin und bereite gemeinsame Treffen oder Aktivitäten zur analogen Kommunikation vor.

Naturgemäß besteht also die Angst der Verknappung von Kommunikation an einer technischen Schnittstelle. Dann wäre Kommunikation aber falsch verortet. Kommunikation findet eben nicht nur an der Schnittstelle statt. Daher ist auch der Ansatz von McLuhan mit dem Medium als Botschaft nicht korrekt. Eine Verknappung der Schnittstelle bedeutet nicht gleich ein geringeren Durchlauf und schon gar nicht eine geringere Kommunikation um diese herum.

Die Maschine muss sich dem Menschen anpassen

Für entscheidend in der weiteren Entwicklung halte ich, dass sich die Maschine dem Menschen anpasst. Es geht um Kommunikationsbedarfe des Menschen und nicht um die Kommunikationsmöglichkeiten der Technik. Zudem kommt, dass nicht jeder Mensch die gleichen Bedarfe hat. Wir befinden uns aber am Anfang der technischen Digitalisierung, sodass ich den aktuellen Stand als Aushandlung sehe. Wir sind also noch nicht dem Untergang geweiht.

***

klein_laszloLászló Földesi betreibt das Kompetenzzentrum Digitalisierung. Weitere Informationen zu seiner Person findet man auf dessen Website.

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2 Kommentare

  1. Schön, danke. Sollten wir nicht, bevor wir neue Begriffe ins Spiel bringen, noch mal bei bewährten Begriffen wie „Informatisierung“ und „Mediatisierung“ (Barbara Mettler-Meibom, 1987) nach schauen?

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    • Danke für den Kommentar! Das ist natürlich eine berechtigte Frage. Als Philosoph fände ich es auch schön, wenn sich die Gesellschaft immer den passendsten, den angemessensten Begriff für einen Sachverhalt aussuchen würde und nicht so sehr dazu neigen würde, in Modezyklen selbst noch die absurdesten Begriffe mit hunderterlei sich widersprechender Bedeutungen aufzuladen, so dass diese dann früher oder später nutzlos, weil sinnentleert durch den nächsten Hype-Begriff ersetzt werden müssen.
      Bei der Digitalisierung aber haben wir Glück im Unglück, finde ich, denn der Begriff beschreibt einen Zusammenhang ziemlich treffend, den Wörter wie ‚Informatisierung‘ oder ‚Mediatisierung‘ nicht so schön widerspiegeln: Zunächst nämlich im Wortsinne der Abzählbarkeit (digital meint ja: das kann man mit den Fingern abzählen) die Tatsache, dass wir mit digitalen Beschreibungen und digitaler Kommunikation alle Zusammenhänge, Beziehungen, Empfindungen in ein zweiwertiges System übertragen, wo alles nach 0 und 1 ausgezählt wird. Und so muss dann alles, was eigentlich nicht auf den Punkt zu bringen ist, was nicht in dieser Sprache zu erfassen ist, doch auf den Punkt gebracht werden, doch irgendwie in dieses Wertemuster 0-1-0-1 gepresst werden. Und genau dieser Prozess wird ja auch durch den schon lange etablierten Gegensatz von digital und analog ziemlich gut wiedergegeben. Der ist ja nämlich gar nicht so neu, sondern taucht eben beispielsweise schon in der Kommunikationstheorie Watzlawicks aus den 1970er Jahren auf. Also, ich kann mir auch unpassendere Begriffe denken, als den der Digitalisierung…
      Aber zum Problem dieser zweiwertigen Logik der Digitalisierung gibt’s hier in Kürze auch einen spannenden Dialog.

      Herzlichen Gruß,
      Andreas

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