Das Ende des Humanismus

cyborg-438398_640Yuval Harari entdeckt in seinem Buch „Homo Deus“ in neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten für die menschliche Evolution. Wir können dabei zu Göttern werden oder untergehen. Oder beides zugleich.

Text von Tom Wohlfarth [Dieser Artikel wurde zuvor auf anderen Plattformen veröffentlicht, zuletzt bei demokratiEvolution.]

Angesichts einer zunehmend angespannt erscheinenden politischen Weltlage mag die folgende These zunächst überraschen: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte sind im 21. Jahrhundert obsolet geworden. Abgesehen von einigen gesegneten Weltregionen seien sie zwar noch nicht völlig verschwunden, aber sie sind von unkontrollierbaren Naturgewalten zu handhabbaren Herausforderungen geworden. Auf der eigentlichen Agenda der Menschheit stehen zu Beginn des dritten Jahrtausends drei andere Dinge: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit.

Das behauptet zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus. A Brief History of TomorrowHarari hatte im Vorgängerwerk Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit diese Geschichte von ihren Anfängen bis heute erkundet und damit einen weltweiten Bestseller gelandet. Man war beeindruckt vom Erzähltalent und dem makrohistorischen Durchblick des heute gerade einmal 40-Jährigen. Nun hat er beides Richtung Zukunft gewendet, um die prophetischen Thesen, die schon den Abschluss von Sapiens bildeten und viele Kritiker damals noch nicht so überzeugten, genauer zu erläutern: Die Menschheit werde versuchen, den Tod zu überwinden und sich die schöpferische Macht von Göttern anzueignen, ja sich selbst in unsterblich-glückselige Götter zu verwandeln.

Das kooperative Tier

Wer Sapiens gelesen hat, wird auch weitere Thesen wiedererkennen. Denn um zu antizipieren, was der Mensch werden kann, muss Harari noch einmal ausführlich darstellen, was der Mensch ist. Was unterscheidet Menschen von anderen Tieren? Es ist nicht etwa die Seele oder das Bewusstsein. Es ist die Imagination. Denn nur sie hat dem Menschen ermöglicht, in unbegrenzt großen Gruppen zu kooperieren. Auch Tiere kooperieren, aber nur auf Basis persönlicher Beziehungen. Menschliche Zusammenschlüsse basieren dagegen auch – und in ungleich größerem Maßstab – auf überpersönlichen, und letztlich eben auch imaginären Entitäten: Göttern, Geld, Nationen. Und es war letztlich in deren Namen, dass der Mensch sich zum Herrscher über die Tierwelt und einige Religionen und Nationen über andere aufgeschwungen haben.

Die Götter von einst mögen inzwischen tot sein, aber die Menschheit hat sich neue Religionen erfunden: Liberalismus, Kapitalismus, Kommunismus. Doch die von ihnen das Projekt der Moderne am umfassendsten bestimmende ist nach Harari auch diejenige, deren letzte Konsequenz zugleich das Ende der Menschheit sein könnte: der Humanismus. Der Mensch hat Gott als Zentrum der Religion abgeschafft und sich an seine Stelle gesetzt. Je mehr aber durch den technologischen Fortschritt die menschliche Fähigkeit wächst, tatsächlich so zu werden, wie sie sich jahrtausendelang nur Götter vorstellen konnte – unsterbliche Herren (und Damen) über Leben und Tod –, läuft die Menschheit Gefahr, sich auf diese Weise selbst abzuschaffen.

Der Mensch als Algorithmus

Hier kommt eine zweite Bestimmung des Menschen, ja diesmal aller Säugetiere, ins Spiel. Harari referiert die heute gängige Annahme der Lebenswissenschaften, dass höhere Lebewesen letztlich nicht anders als durch Algorithmen funktionieren: Maschinen, wie komplex auch immer, die bestimmten Kalkulationsanweisungen folgen, um Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Die Probleme sind in diesem Fall letztlich Überleben und Fortpflanzung, und die Kalkulationen erfolgen durch Sinneswahrnehmungen, Emotionen und Gedanken, letztlich also biochemische und elektrische Prozesse im Gehirn. Ein Affe, der sich an einem Löwen vorbeischleichen muss, um an eine Bananenstaude zu kommen, berechnet in Sekundenschnelle durch das Zusammenspiel von Hunger und Angst die Überlebens-Wahrscheinlichkeiten je dafür, dass er dem einen oder der anderen nachgibt. Ein Mensch, der einem potenziellen Paarungspartner begegnet, kalkuliert auf den ersten Blick durch seine sexuelle Anziehung oder Abstoßung die Fortpflanzungsaussichten mit diesem Partner.

Harari hält dagegen, dass die Algorithmusthese kaum erklären könne, warum Menschen und andere Lebewesen überhaupt noch ein Bewusstsein brauchen, wenn 99 Prozent der Rechenvorgänge unbewusst ablaufen. Denn wozu dann das restliche Prozent? Eine besonders krasse Antwort lautet, dass unser Bewusstsein nichts als mentaler Müll der neuronalen Gehirnvorgänge sei. Harari will das freilich nicht ganz gelten lassen. Er gibt zu bedenken, dass der Algorithmus letztlich auch nur ein ähnlich unzureichendes Bild für die emotionalen und mentalen Vorgänge sein könnte wie etwa im 19. Jahrhundert die Dampfmaschine, damals ebenfalls die tonangebende neue Technologie.

Das Paradox des Humanismus

So entlarvt also der Historiker die Neurobiologie (wie überhaupt Wissenschaft als Schwester der Religion) im Kleinen als ebenso mit Fiktionen operierend wie die Menschheit im Ganzen. Das Problem ist nur, dass diese Fiktionen dennoch gravierende, und immer gravierendere Auswirkungen auf die Wirklichkeit haben können. Ein Blick in die Religionsgeschichte macht das offensichtlich. Und auch eine sich am Modell der Dampfmaschine orientierende Psychologie dürfte sicher zu einigen schwerwiegenden Behandlungsfehlern geführt haben. Eine an Algorithmen ausgerichtete Neurobiologie aber, die dabei ist, zum Paradigma für alle anderen Wissenschaften zu werden, dürfte im 21. Jahrhundert die Möglichkeit haben, die menschliche DNS umzuprogrammieren, Menschen mit Maschinen zu verschmelzen und dadurch das Ende der Menschheit, wie wir sie seit 70.000 Jahren kennen, herbeizuführen.

Dies ist für Harari das große Paradox des modernen Humanismus, der sich darin auf die Spitze treibt, dass er seinen Mittelpunkt, den Menschen, mithilfe der modernen Wissenschaft und Technologie über sich hinauswachsen lassen will. Warum sich mit dem Menschen, wie er ist, seinen schwankenden Gefühlen, seiner beschränkten Intelligenz, seinem alternden Körper zufrieden geben, wenn die Medizin, die Psychologie, Genetik, Robotik und Kybernetik der Zukunft Alternativen bereithalten?

Technohumanismus und Data-Religion

Harari nennt diese neue Religion Technohumanismus – wie der Name verrät, ein zeitgemäßes Update des Originals, das darin letztlich unternimmt, sich selbst abzuschaffen. Auf eben dieses Dilemma aber reagiert eine andere, radikalere neue Religion, der Dataismus, der das menschliche Selbst, das der Humanismus heiligt, als Fiktion entlarvt und anstelle des wie auch immer geupgradeten Menschen Big Data in den Mittelpunkt des Universums stellt. Die menschlichen Gefühle und seine Intelligenz sind Algorithmen? Gut. Aber die Algorithmen von Amazon, Google und Facebook sind besser, intelligenter. Sie haben zwar keine Gefühle, kennen dafür aber unsere Gefühle besser als wir selbst. Warum also noch irgendetwas selbst entscheiden, anstatt es Big Data und dem Internet der Dinge zu überlassen?

Die Konsequenzen dieser Realität werdenden Ideologie sind unermesslich. Sämtliche liberalen und demokratischen Institutionen wären hinfällig. Waren sie lange Zeit das überlegene Medium der Datenverarbeitung, kommen sie heute schon längst nicht mehr hinterher. Der Dataismus wäre aber nicht nur das Ende der liberalen Demokratie und des Humanismus. Er könnte auch das Ende des Homo Sapiens bedeuten.

Das Ende des Menschen

Welchen Wert hätten für den Dataismus noch Menschen, wenn dessen biochemische Algorithmen den elektronischen so offensichtlich unterlegen sind? Sicher haben einst Menschen diese besseren Algorithmen entwickelt. Aber sie haben ihnen auch die Fähigkeit gegeben, sich eigenständig weiterzuentwickeln, noch besser und schneller als jeder Mensch es vermöchte, und sich so von ihren Schöpfern zu emanzipieren. Und was sollte diese unabhängig gewordenen Algorithmen dann noch davon abhalten, mit den Wesen, aus denen sie hervorgegangen sind, um über sie hinauszuwachsen, so umzugehen, wie diese Wesen mit jenen umgegangen sind und umgehen, aus denen sie einst hervorgegangen sind und die sie nun weltumspannend beherrschen, ausbeuten und quälen?

Harari zeigt sich hier als großer Tierethiker, nicht zuletzt deshalb, weil wir Menschen nur hoffen können, von den uns einst vielleicht über den Kopf gewachsen sein wordenen etwas menschlicher behandelt zu werden, als wir unsere tierischen – und oft genug ja sogar auch unsere menschlichen – Verwandten behandeln.

Mehr Menschheit wagen

Man muss Hararis Visionen freilich nicht alle schon morgen als Realität befürchten, oder überhaupt als Gewissheit. Er weiß um die Grenzen der prophetischen Fähigkeiten des Historikers. Aber er legt den Finger in die Wunde einiger sehr schwieriger offener Fragen über unsere Zukunft. Nicht zuletzt diese: Wollen – und müssen – wir es wirklich zulassen, dass der technologische Fortschritt ohne ausreichende demokratische Kontrolle unsere Gesellschaften immer weiter spaltet? Weil sie sich irgendwann womöglich nicht mehr nur auf verschiedene Wohnviertel, Jobs und Krankenkassen, also in soziale Klassen aufteilen, sondern tatsächlich in verschiedene Menschenklassen: Homo Sapiens und Homo Deus, die sich dadurch unterscheiden, ob sie sich ein technologisches Upgrading ihrer körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten leisten können oder nicht.

So gesehen wirkt es fast wünschenswerter, die Herrschaft gleich an die Algorithmen und Big Data abzugeben. Vor denen wären dann auch reiche und arme Menschen wenigstens noch als Menschen gleich. Doch Hararis Vermutung nach dürften beide Entwicklungen, das Upgrading des Menschen und die Emanzipation der Algorithmen, gleichzeitig stattfinden. Dass der Buchtitel letztlich nur auf eine von beiden zutrifft, muss man Autor und Verlag dann allerdings auch nicht mehr vorwerfen. Dazu ist die Geschichte zu spannend und unterhaltsam erzählt. Auch mit einigen Vereinfachungen und Überstrapazierungen kann man um der Zuspitzung willen leben.

Und bei aller ob der scheinbaren Unausweichlichkeit existenziellen Verunsicherung, in die einen dieses Buch tatsächlich stürzen kann, sollte man die kleinen Resthoffnungen, die es andeutet, umso entschiedener aufnehmen. Gerade weil sie in Hararis Vision so schwach und gefährdet wirken, sollten wir noch einmal umso mehr Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaft, mehr Imagination oder Hyperstition, mehr Tierrechte und mehr Demokratie (und dort auch mehr Emotion) wagen, um zu zeigen, dass sie so schwach nicht sein müssen. Um über unsere Zukunft vielleicht doch auch selbst mitzubestimmen. Das ist zwar nicht alternativlos. Aber die einzige Alternative dazu lautet zuletzt womöglich: aufgeben.

***

Yuval Noah Harari, Homo Deus. A Brief History of Tomorrow, Harvill Secker 2016, 448 S., 13,95€.
Eine deutsche Übersetzung erscheint am 16. Februar 2017 bei C.H.Beck, 576 S., 24,95€.

tom2Tom Wohlfarth  ist Kulturwissenschaftler und Blogger. Er schreibt auf freitag.dele-bohemien.net und tom-wohlfarth.de, 2015 erschien sein Buch Genie in der Kunst des Lebens. Er ist außerdem Vorstandsmitglied bei Kommunikative Demokratie e.V., dem Projektträger von digihuman.

 

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